Samstag, 16. September 2017

Meine Klettertour auf die Große Zinne

Die "Drei Zinnen" sind wohl das berühmteste Fotomotiv der Dolomiten. Wuchtig und erhaben stehen sie da, manchmal ganz oder teilweise versteckt in den Wolken. Der mittlere Berg, die "Große Zinne", ist 2.999 Meter hoch. Wenn man also auf deren Gipfel stünde, dann wäre der eigene Kopf mit Sicherheit in einer Höhe von dreitausend Metern.


Stünde .... wäre .... träumen? Mal kurz überlegen. Klettern kann ich ganz gut. Und was man so über die Besteigung der Großen Zinne liest, klingt für mich nicht unrealistisch. Die Nordwand ist natürlich zu schwer. Aber der Normalweg ist Kletterei im dritten Grad, die Schlüsselstelle ist ein Kamin mit 4-. Aufstieg in ca. drei Stunden, Abstieg auch. Warum also nicht mal versuchen - und schaffen?

Diese Gedanken hatte ich vor nicht einmal einem Jahr. Also war irgendwie klar, dass der September-Urlaub 2017 in die Dolomiten nach Südtirol gehen wird. Ich suchte nach einer geführten Tour durch einen professionellen Bergführer und wurde bei der Alpinschule in Sexten fündig. In meinem Kopf war also alles vorbereitet ...

September 2017. Urlaub in Sankt Lorenzen in Südtirol. Am Montag, dem ersten Urlaubstag, ging es gleich nach Sexten und ich meldete mich bei der Alpinschule an. Man würde sich die Tage telefonisch bei mir melden, wenn es einen Termin gibt. Ok - das wäre geklärt.

Am Dienstag hüllten sich die Gipfel der Dolomiten in Wolken. Trotzdem ging es mit dem Auto rauf zur Auronzo-Hütte. Schließlich hatte ich die Drei Zinnen noch nie in echt gesehen und ich wollte wissen, worauf ich mich da eingelassen habe. Hier oben auf 2.300 Metern hingen die Wolken tief. Manchmal schaffte es ein Sonnenstrahl, die leicht eingeschneiten Gipfel zum Leuchten zu bringen. Es wehte ein kalter Wind. Alles war sehr unwirtlich; die Natur zeigte sich von ihrer rauen Seite. Trotzdem beschloss ich, auf einer Wanderung die Drei Zinnen zu umrunden. 


Warm eingepackt lief ich also los in Richtung Lavaredo-Hütte, entlang an der Südseite der Drei Zinnen. Diese zeigten sich nun immer mehr, denn die Wolken wurden weniger und die Sonne strahlte öfters. Zwischen Lavaredo-Hütte und der Dreizinnenhütte gab es nun die spektakulärsten Anblicke dieser wunderschönen Berge: Einmal im vollen Sonnenglanz, ein andermal bedrohlich und geheimnisvoll unter dunklen Wolken. Im Hinterkopf hatte ich dabei immer die Gedanken daran, dass ich dieser Tage auf dem Gipfel der Großen Zinne stehen würde. Klein und ehrfürchtig stand ich vor ihr. Und es kamen Zweifel auf. Werde ich diese Höhe schaffen? Wird das Wetter gut sein, denn am schneebedeckten Fels macht Klettern keinen Spaß? Doch ich blieb optimistisch.


Nach erfolgreicher Umrundung der Drei Zinnen im Auto ein Anruf. Die Alpinschule. Es gibt noch einen Zweiten, der auf die Große Zinne will. Es kann also losgehen. Treff morgen, Mittwoch, um 6:30 Uhr an der Tankstellen Toblach. Was folgte, war eine unruhige Nacht mit wenig Schlaf.

Mittwoch, 6.9.2017, 4:54 Uhr. Ich schleiche aus dem Bett und mache mich fertig. Mit dem Auto geht es nach Toblach. Ich stehe nur kurz dort, da kommt ein Herr auf mich zu und fragte "Thomas?". Er stellte sich als Martin vor und er ist heute mein Bergführer. Im Schlepptau hatte er Dirk, der das gleiche vor hatte wie ich. Jetzt muss ich da also durch, auch wenn ich müde war und nicht wirklich gefrühstückt hatte; mein Magen grummelte vor sich hin. Ich nahm meinen Rucksack und sprang zu ihm ins Auto. Los ging die Fahrt zur mir schon bekannten Auronzo-Hütte. Das Wetter war vielversprechend, ein paar Wolken ziemlich weit oben. Die Gipfel waren also frei. Auch lag kein Schnee mehr auf ihnen. Offenbar hatten wir einen guten Tag erwischt.


An der Auronzo-Hütte angekommen liefen wir auch gleich los. Es war viel wärmer, als ich vermutet hatte, so um die 7 Grad. Gegen 7:15 Uhr ließen wir die Hütte hinter uns und wanderten zum Einstieg in die Kletterroute. Es ging über Geröllhalden in Serpentinen zum Fuß der Südseite der Großen Zinne. Keine Touristen, Ruhe und Sonnenaufgang in den Dolomiten. Allein das war es wert, so früh aufgestanden zu sein. Nur ein paar andere Kletterer waren auf dem Weg vor uns.



Am Einstieg angekommen, präparierten wir uns für die Tour. Jacken aus (wir hatten die Sonne im Rücken), Gurt an und Helm auf. Martin nahm uns ans Seil und wir bildeten somit eine Dreier-Seilschaft. Er erklärte uns, wie wir am besten die ersten Schritte an der Wand machen sollten. Ok kein Problem.


Ab nun ging es senkrecht nach oben. Zwischendurch liefen wir auf einigen Bändern waagerecht an der Wand. Das war eine schöne Kletterei! Nicht sehr schwer. Der Fels fühlte sich gut an und bot meinen Fingern und Schuhen ausreichend Halt. Ab und zu gab es mal ein paar schwierigere Stellen, die aber alle - mit Martins Tipps - zu meistern waren.


Ich merkte sehr schnell, dass das Alpinklettern sich doch vom Sportklettern unterscheidet. Hier am Berg ging es nicht darum, möglichst kurze und schwierige Passagen zu klettern, sondern genügend Kondition zu haben, um oben anzukommen. Und man hat einen Rucksack auf dem Rücken, was beim Sportklettern eher selten der Fall ist. Trotzdem konnte ich viel von dem, was ich bisher an Klettertechnik erlernt hatte, einsetzen. Das half mir, viel Kraft zu sparen. Fortan sagte unser Bergführer Martin zu Dirk: "Schau zu, wie Thomas das macht. So musst du das dann auch machen!". Man war ich stolz!


Nun kamen wir an den Kamin, der als schwierig beschrieben wurde. Ok, schön sah er nicht aus. Es war dunkel darin und der Fels feucht. Martin stieg vor und gab uns Tipps. Beim ersten Zug hatte ich Schwierigkeiten, mit den Füßen Halt zu finden, da sie immer wieder weg rutschten. Aber irgendwann klappte es und ich konnte den Rest vom Kamin durchsteigen. So schwierig fand ich den am Ende nicht. Es hätte aber auch anders sein können.

Ab nun ging es mit moderater Kletterei immer weiter nach oben. Die Luft würde dünner, das merkte ich doch recht deutlich. Auch spürte ich die Müdigkeit immer mehr. Irgendwann sagte Martin, dass nach der nächsten Ecke das Gipfelkreuz kommt. Schon oben? Ja, da war das Kreuz und an ihm saß die Seilschaft, die vor uns war. Sie begrüßten uns mit einem "Berg heil!".


Ich war nun auf dem Gipfel der Großen Zinne, es war 10:45 Uhr und ich konnte es gar nicht richtig glauben, dass ich hier oben stehe. Erst mal was trinken und essen, Fotos machen. Ich trug mich ins Gipfelbuch ein. Da sitzen und die Aussicht genießen ... nein nicht die Aussicht, sondern das Gefühl, den Berg bezwungen zu haben! Und nochmal war ich stolz - und wie!


Nun mussten wir aber wieder nach unten. Wieder bildeten wir eine Seilschaft und Martin übertrug mir die Führung an der Spitze. Natürlich sagte er, wo ich laufen bzw. abklettern soll, denn den Rückweg zu finden, ist hier oben schwierig. Zumal meine Kräfte immer mehr zur Neige gingen - physisch wie psychisch. Umso mehr freute ich mich über die Stellen, an denen uns Martin abseilte. Die längste Strecke war 50 Meter - cool. Mehr und mehr kamen wir in den unteren Bereich des Berges. Aus festem Fels wurde Geröll, auf dem man schnell rutschen konnte. Und natürlich traten wir eine kleine Geröll-Lawine los. Zum Glück hat die Seilschaft vor uns, die schon weiter unten waren, nichts davon auf den Kopf bekommen.

So langsam kam ich an meine Grenzen. Das Absteigen fiel mir immer schwerer und ich war unsicher, im Geröll guten Halt zu finden. Ich war sehr vorsichtig und vieles ging gewissermaßen automatisch. Martin gab die Richtung an und ich lief einfach. Als wir wieder den Fuß erreichten, lösten wir die Seilschaft und jeder lief oder rutschte für sich über die Geröllfelder weiter nach unten. Wir trafen uns dann mit der Seilschaft vor uns. Martin übergab uns beide deren Bergführer, denn er musste noch mit einem Kollegen einen Klettersteig in der Nähe reparieren. Wir verabschiedeten uns von ihm und bedankten uns für das einmalige Erlebnis. Unser neuer Bergführer Herbert leitete uns sicher zur Auronzo-Hütte, in der wir gegen halb drei in gemütlicher Runde etwas tranken und über das Erlebte sprachen. Dann ging es mit dem Auto zurück nach Toblach.

Es war ein Erlebnis, wie ich es noch nie zuvor hatte. Auf dem Gipfel der Großen Zinne stehen ... ich bin über mich selbst hinausgewachsen, denn es war schon fordernd. Jetzt kann ich auch besser nachvollziehen und bestätigen, dass man beim Bergsteigen nicht den Berg, sondern sich selbst besiegt. Und noch eines: Wenn man einen Gedanken zu etwas hat, was man gerne machen will, dann ihn nicht einfach verwerfen, sondern machen!!

Den GPS-Track der Tour mit weiteren Fotos gibt's hier.


Montag, 17. Juli 2017

Houserunning - man sagt, ich sei irre

Dabei war es doch nur ein Gutschein zum Geburtstag, den ich gestern eingelöst habe. Zugegeben, dieser Geburtstag ist schon knapp zwei Jahre her und ich habe das ganze etwas hinausgezögert. Denn bei dem Gedanken an das, worum es geht, wurde mir schon etwas anders zumute:

"Houserunning" am Frankfurter Leonardo Hotel. Und das ist genau was? Ganz simpel: Man stellt sich auf die Dachkante eines 100 Meter hohen Hochhauses und "läuft" an Seilen hängend die Fassade hinunter.


So etwas habe ich vor zwei Jahren schon einmal im Harz an der Talsperre Wendefurth gemacht. Allerdings betrug die Höhe der Staumauer und somit der Laufweg nur etwas über 40 Meter. Der Gutschein versprach also doch ein wenig mehr Adrenalin.

Aber so schlimm war es dann gar nicht. Als ich das Hotel von unten anschaute, dachte ich mir, dass das gar nicht so hoch aussieht. Es waren auch noch andere "Läufer" da, die gerade von oben kamen. Sah gut aus! Marco war um ein vieles mehr aufgeregter als ich, obwohl er nur Zuschauer war. Das zeigte sich vor allem auch darin, dass er meinen Run vom Boden aus filmte - allerdings im Hochformat. Dabei habe ich ihm vorher ausdrücklich gesagt, dass er das bitte im Querformat machen solle, denn der Fernseher zu Hause steht ja auch nicht im Hochformat rum.

Nun wurde ich mit ein paar anderen Läufern per Hotelaufzug nach oben gebracht. Ich glaube, da stand was von 26 Stockwerken. Oben angekommen, kletterten wir auf das Dach und schon standen wir auf dem Hotel. Wir bekamen eine kurze Einweisung und erfuhren, was nun passiert.

Die Besonderheit bei dem Run in Frankfurt ist, dass es sich hierbei um das höchste Gebäude handelt, wo man so etwas macht. Diese Höhe erlaubt es, dass man ab einem gewissen Punkt von der Fassade wegspringen kann und die Coaches auf dem Dach in diesem Moment sehr viel Seil geben. Das bedeutet, dass man ein Stück im freien Fall fliegt. Das ganze kann man zwei Mal machen, dann ist man fast unten. Das klang spannend!

Nun ging es los. Dummerweise war ich der erste, der in der Reihe stand (weil ich der letzte war, der in den Aufzug gegangen ist - aus Höflichkeit - und somit der erste, der wieder raus ist). Meine Mitläufer, die nach mir dran waren, äußerten Bedenken an dem, was die da gleich tun. Einer hatte Höhenangst und meinte (scherzhaft), dass er wieder umkehren würde. Aber das tat niemand!

Ich wurde nun am Rücken mit den Seilen verbunden und durfte mich mit halber Schuhlänge an die Dachkante stellen, die andere Hälfte ragte über die Dachkante hinaus. Das war schon ein toller Ausblick auf die Skyline. Auch schaute ich nach unten, was mir rein gar nichts ausmachte. Vor dem Moment des nach-vorn-Kippens hatte ich schon etwas Bauchkribbeln, aber ich tat das dann einfach ohne nachzudenken. Und dann ging's weiter ... einfach nach unten laufen, was aber gar nicht so einfach war bei einer Körperlage, die um 90 Grad gedreht ist. Irgendwann durfte ich dann springen und dann ging es richtig schnell nach unten. Woooow, das war ein Gefühl! Und gleich nochmal! Fast unten angekommen, hatte ich logischerweiss den Kontakt zur Fassade gänzlich verloren und drehte mich irgendwie am Seil. Unten wurde ich dann sehr freundlich entgegengenommen und ich war total geflasht. Mein erster Gedanke: "Das werde ich wieder machen!!".

Freunde, Bekannte und Kollegen, die von dieser Aktion erfuhren, fanden das ziemlich cool. Die meisten sagten aber zugleich, dass sie das selbst nie machen würden. Einige meinten, ich sei irre.

Nun vielleicht bin ich irre - gerade weil mir das Stehen an der Dachkante nichts ausgemacht hat. Was ich aber mit Sicherheit bin: zufrieden. :-)



Freitag, 14. Juli 2017

Jean Michel Jarre open-air in Bonn

Es war mein zehntes Jarre-Konzert, welches ich am vergangenen Mittwoch besuchte - und das erste unter freiem Himmel. Das ganze fand in Bonn auf dem "KUNST-Rasen"-Gelände statt, direkt neben dem Posttower. Die Schlange am Einlass war noch relativ kurz und wuchs hinter mir doch sehr schnell an. Auf dem Gelände dann verliefen sich aber die Menschen, auch wenn alles gar nicht so groß aussah. Die Bühne fand ich für Jarre-Verhältnisse eher sehr klein; auch die Lautsprecher. Ich war etwas skeptisch ...

Gegen 21 Uhr ging es nun los. Wie zu dieser Jahreszeit üblich, war es natürlich noch nicht richtig dunkel. Lediglich die Regenwolken, die ihr Wasser aber bei sich behielten, verdeckten die untergehende Sonne. Trotzdem waren die Projektionen der LED-Panels hell und deutlich sichtbar. Bässe. Und was für welche. Wir standen auf einer Wiese und um uns herum gab es nur Bäume, die den Schall etwas einfangen konnten. Trotzdem bebte der Boden. Da bekam ich doch etwas Gänsehaut und eine Frau neben mir sagte, dass sie gleich anfängt zu heulen. Nicht nur die Bässe waren überragend, sondern auch die übrigen Sounds, die klar und laut beim Publikum ankamen.

Die LED-Panels zeigten überwiegend bekannte Motive, die ich vom letzten Konzert in Frankfurt kannte. Was ja auch klar war, denn auch dieses Konzert gehörte zu Jarre's "Electronica-Tour". Er spielte überwiegend Stücke der beiden "Electronica"-Alben, aber natürlich auch Klassiker, die nicht fehlen dürfen. Die Setlist wurde etwas umgebaut und es gab zwei neue Stücke, die in Frankfurt so noch nicht zu hören waren. "Herbalizer" und das recht alte "Zoolookologie" in einem völlig neuen Gewand. Beide Stücke gefielen mir gut, kamen aber nicht an meine Lieblinge "Oxygene 8" und "Stardust" heran. "Oxygene 8" klang ein wenig anders als in Frankfurt; noch kraftvoller und klarer. Naja und "Stardust" als Abschluss des Konzerts heizte nochmal so richtig ein.

Es müssen nicht immer die ganz großen Hallen sein. Es müssen auch nicht immer die Mega-Konzerte sein. Jarre geht auch etwas kleiner. Der Qualität und dem Spaßfaktor tut das keinen Abbruch. Es war wieder einmal Jarre in Reinstform.